Mittwoch, 25. Januar 2012

"Halt die Ohren steif" - Alter Spruch mit neuer Bedeutung
Viagra-Wirkstoff könnte Sinneszellen im Ohr vor Lärmschäden schützen

Freigelegtes Innere der Gehörschnecke (Cochlea) eines Rattenohres. Man sieht
das Sinnesepithel des Hörorgans, das Cortiorgan, mit den äußeren und inneren
Haarsinneszellen (grün), die durch Lärmbelastung gefährdet sind. Die
Nervenfasern zum Gehirn sind rot gefärbt, die Zellkerne aller Zellen erscheinen blau.
Foto: Universitätsklinikum Tübingen
Der gut gemeinte Rat "Halt die Ohren steif" könnte eines Tages eine ganz neue Bedeutung bekommen. Wissenschaftler des Hörforschungszentrums am Universitätsklinikum Tübingen haben in Experimenten mit Ratten herausgefunden, dass ausgerechnet der Wirkstoff Vardenafil geeignet sein könnte, die Verletzung der empfindlichen Haarsinneszellen im Innenohr bei durch Lärm zu verhindern. Vardenafil, das ist nichts anderes als das gute alte Viagra.

Prof. Dr. Marlies Knipper, stellvertretende Sprecherin des Neurosensorischen Zentrums der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde Tübingen und Leiterin der Arbeitsgruppe Molekulare Hörphysiologie zeigt sich zuversichtlich: „Die vorliegenden Erkenntnisse zeigen uns erstmalig einen therapeutisch nutzbaren Mechanismus im Ohr auf, dessen Nutzung in Zukunft vielen Patienten mit akuter Traumatisierung des Gehörorgans helfen könnte, ihr Hörvermögen zu erhalten. Dies muss jetzt gezielt in klinischen Studien überprüft werden.“

   "Unerhört, was Ohren leisten müssen"   

Dr. Lukas Rüttiger aus dem Tübinger Hörforscherteam erläutert, wie es zum Hörverlust kommt: „Es ist quasi „unerhört“, was unsere Ohren den ganzen Tag lang leisten müssen. Von der Wahrnehmung leisester Geräusche bis zum Ertragen von Lärm durch Verkehr, Baustellen oder auch ganz freiwillig bei Konzertbesuchen oder mit dem aufgedrehten Audioplayer, immer müssen die kleinen Sinneszellen in unserem Ohr Höchstleistungen vollbringen. Dabei werden sie ordentlich durchgeschüttelt.“

Nicht immer bleibt das ohne Folgen, denn durch Lärm werden die Haarsinneszellen und ihre Nervenverbindungen zum Gehirn dauerhaft geschädigt, was unvermeidlich zu Schwerhörigkeit oder gar zu Hörverlust führt, erklärt Rüttiger: „Nach dem Verlust werden die Haarsinneszellen bei Säugetieren nicht ersetzt, was vermutlich der Grund dafür ist, warum man im Ohr verschiedene Schutzmechanismen findet, die einen dauerhaften Verlust der Haarsinneszellen nach Lärmtrauma oder anderer Schädigung zu verhindern versuchen. Dies wird durch unsere vorliegende Arbeit bestätigt.

Der Pde5-Inhibitor Vardenafil, auch bekannt als Levitra, gehört zur selben Substanzklasse wie die "Potenz"-Medikamente Viagra und Cialis. Diese Wirkstoffe werden mittlerweile nicht mehr nur zur Therapie der erektilen Dysfunktion ("Impotenz") eingesetzt, sondern finden auch Anwendung bei der Therapie von pulmonaler Hypertonie und benigner Prostata-Hyperplasie, einer gutartigen Vergrößerung der Prostata durch Vermehrung ansonsten unauffälliger Zellen.

   Problematisch: Wirkstoff könnte Innenohr schädigen   

Die Hörexperten gehen davon aus, dass die vorliegenden Erkenntnisse, die erstmalig einen therapeutisch nutzbaren Mechanismus im Ohr aufzeigen, in Zukunft vielen Patienten mit akuter Traumatisierung des Gehörorgans helfen könnten, ihr Hörvermögen zu erhalten.

Jetzt müsse die Anwendung am Menschen zur Behandlung von Hörstörungen in gezielten klinischen Studien überprüft werden, um mögliche Risiken zu erkennen. Immerhin stehen die Pde5-Inhibitoren ausgerechnet auch unter dem Verdacht, Schäden im Innenohr zu verursachen davor warnte vor fünf Jahren bereits das US-amerikanische Bundesgesundheitsamt Food and Drug Administration in seinem FDA-Report.

jos

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Sie können hier einen Kommentar schreiben - bitte mit Namensnennung
Oder schreiben Sie mir eine Mail an: 
redaktion@chronisch-leben.de